Über Huren, Heilige und heilsame Räume

Meine Reise in die Sexarbeit: Vom Vorurteil zur Entstigmatisierung 🌿

Hast du dich schon einmal gefragt, welche unbewussten Bilder und Vorurteile in dir auftauchen, wenn du das Wort „Sexarbeit“oder „Prostitution“ hörst?

Lange Zeit war dieses Feld für mich mit sehr dunklen, abwertenden Assoziationen besetzt. Ich hatte Bilder im Kopf von Gewalt, Ausbeutung, Unsauberkeit, Drogen – Klischees, die uns durch Filme, Medien und gesellschaftliche Tabus immer wieder eingeprägt werden.

Heute gestalte ich selbst therapeutische Körper- und Intimitätsräume, biete Conscious Sexwork an und begleite Menschen auf dem Weg zu ihrer sexuellen Entfaltung. Wie es zu diesem Wandel kam und warum das Thema Sexarbeit gerade jetzt einen wichtigen gesellschaftlichen Moment erfährt, möchte ich heute mit dir teilen.

Der Funke: Vom Leistungsdruck zur Präsenz (Winter 2020/2021)

Meine eigene Wahrnehmung begann sich während einer intensiven, sexuellen Lernphase in der Pandemie zu verschieben. In einer Partnerschaft mit starkem Fokus auf Energiearbeit und Persönlichkeitsentwicklung erlebte ich Sexualität nicht mehr als Ziel, sondern als Praxis: präsent zu bleiben mit allem, was im Körper und in meinem energetischen Feld auftaucht.

Das war manchmal zutiefst genussvoll, manchmal extrem intensiv und herausfordernd. Blockaden und alte Themen wurden sichtbar und verlangten nach Verstoffwechselung im Nervensystem. In dieser Phase entstand in mir zum ersten Mal der leise Impuls:

Was, wenn ich solche gehaltenen, bewussten Erfahrungsräume auch für andere Menschen anbinden und anbieten könnte?

Ein neues Bild von „Liebesdienst“ (Tamera 2022)

Im Oktober 2022 besuchte ich eine Einführungswoche in der Lebensgemeinschaft Tamera in Portugal. Tamera ist ein bekanntes Friedensforschungsprojekt, das sich unter anderem seit Jahrzehnten intensiv mit gewaltfreier Gemeinschaft und freier Liebe auseinandersetzt.

Dort hörte ich zum ersten Mal von ihrer Form des Liebesdienstes: Innerhalb der Gemeinschaft stellen sich Menschen bei speziellen Festen oder Formaten freiwillig zur Verfügung, um Räume für körperliche Nähe für diejenigen zu kreieren, die im Alltag gerade wenig oder keine Beziehungsräume haben. Das Ganze wird achtsam von festen Koordinationspersonen begleitet, die Wünsche entgegennehmen, matchen und halten.

Dieser Ansatz hat mein starres Bild komplett auf den Kopf gestellt: Liebesdienst nicht als ausbeuterische Ware, sondern als ein Dienst an der Gemeinschaft, getragen von Würde, Präsenz und Entlastung.

Lernen in der Praxis: Vorurteile abbauen

Zurück in der Schweiz begann ich, gezielt den Kontakt zu Menschen zu suchen, die Sexarbeit auf eine somatische und therapeutische Art leben.

  • Sessions neu navigieren: Durch die Zusammenarbeit mit meinem Partner Roger, der seit Jahrzehnten Slow Sex-Räume anbietet, lernte ich, wie man Interaktionen gestaltet, die weit über das klassische „Geben und Empfangen“ eines tantrischen Massagesettings hinausgehen.
  • Das Bild der Kund*innen hinterfragen: Eine gute Freundin, die jahrelang im Dakini (Tantramassage Salon in ZH) gearbeitet hatte, gab mir Einblicke in den Alltag mit Kund*innen. Ich hatte befürchtet, auf grenzüberschreitende oder schwierig-fordernde Menschen zu treffen. Die Realität? Vor mir standen „ganz normale Menschen“ aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Die allermeisten Begegnungen waren von großem Respekt und Dankbarkeit geprägt.
  • Vernetzung im Sexworkers Collective: Über Brunches und Vernetzungstreffen lernte ich die Vielfalt der Schweizer Sexarbeits-Szene kennen – von Bordell- und Straßenstrich-Arbeitenden über Stripper*innen bis hin zu Unabhängigen (Independent Escorts). Auch wenn wir mit unserem therapeutischen/somatischen Ansatz etwas anders aufgestellt waren, entstand ein tiefer, solidarischer Austausch.

Warum Stigmatisierung so tief reicht

Obwohl Sexarbeit in der Schweiz seit über 80 Jahren legal ist, sitzt das Stigma tief. Sexarbeitende bewegen sich konstant in einem Spannungsfeld gesellschaftlicher Projektionen:

Die Hure-Heilige-Dichotomie: Die gesellschaftliche Spaltung in „gute/ehrbare“ (Haus-)Frauen und „unmoralische“ Sexarbeitende führt dazu, dass Sexarbeitenden oft grundlegende Rechte, Würde oder gesellschaftlicher Respekt abgesprochen werden.

Absprechen von Handlungsfähigkeit (Agency): Sexarbeit wird gesellschaftlich oft entweder extrem romantisiert oder rein als Opfer-Narrativ (Zwang und Armut) dargestellt. Dass Menschen diese Arbeit aus Selbstbestimmung, Neugier, ökonomischer Pragmatik oder als erfüllendes Handwerk wählen, passt nicht ins klassische Moralbild.

Der Irrglaube von Kriminalisierung & Verboten (Rights Not Rescue): Forderungen nach Sexkaufverboten (wie dem „Nordischen Modell“) entspringen oft dem Wunsch, Menschenhandel zu bekämpfen. In der Realität drängen Verbote den Markt jedoch nur tiefer in den Untergrund. Betroffene verlieren dadurch den Zugang zu Schutz, Hilfsorganisationen und Gesundheitssystemen. Zwang entsteht durch Machtverhältnisse in Herkunftsländern – nicht durch die Legalität des Berufs. Echte Ausbeutungsbekämpfung braucht Arbeitsrechte, keine Verdrängung. Es gilt: „Nothing about us without us – Rights, not Rescue!“

Institutionalisierte Hürden & Doppelstandards: Von der erschwerten Wohnungssuche und Bankkonteneröffnung bis hin zur ständigen Angst vor gesellschaftlichem Outing – das Stigma zwingt viele Sexarbeitende dazu, ein Doppelleben zu führen. Oft wissen weder Partner:innen, noch die eigenen Kinder und Freunde von ihrer Arbeit.

Verwechselung von Intention und Wirkung: Sexualität wird in unserer Leistungskultur oft mit Scham und Tabus überlagert. Wenn Geld und Intimität zusammenfließen, löst das bei vielen Menschen eigene Unbehaglichkeiten und Moralreflexe aus.

📖 Vertiefender Lesetipp: Weil dieses Thema so viele tiefgreifende gesellschaftliche Fragen aufwirft, habe ich in folgendem Blogartikel Sexarbeit & Stigma: Warum der Kauf von Intimität eine ganze Gesellschaft provoziert obige und weitere Punkte nochmals tiefer aufgebrösmelt.

Ein Meilenstein: Das Landesmuseum Zürich & SRF

Umso mehr freut es mich, dass dieses Thema endlich die große, würdevolle Bühne bekommt, die es verdient.

Das Landesmuseum Zürich zeigt aktuell (3. Juli bis 1. November 2026) die eindrückliche Videoinstallation «Erfahrungen Schweiz – Sexarbeit», die in enger, partizipativer Zusammenarbeit mit dem Sexworkers Collective entstanden ist. Elf Zeitzeug*innen erzählen dort ungeschönt, intim und differenziert aus ihren Arbeits- und Lebensrealitäten – zwischen Selbstbestimmung, Stigmatisierung, beruflichem Stolz und gesellschaftlichen Hürden.

🎥 TV-Tipp: Das SRF-Magazin 10vor10 hat einen sehr gelungenen Beitrag über die Ausstellung gebracht, der genau diese Entstigmatisierung auf den Punkt bringt:

👉 Hier geht’s zum SRF 10vor10 Beitrag über die Ausstellung

Falls du in der Nähe von Zürich bist, kann ich dir den Besuch im Landesmuseum von Herzen empfehlen!

Weitere Videos & Inputs:

SRF Beitrag: Prostitution und Sexarbeit – Von Ausbeutung und Selbstbestimmung

Der TedX-Talk: Fighting Stigma with Storytelling: Lessons from a former SexWorker (Youtube)

Die Serrie: Sex Works (Youtube) | Interviews mit verschiedenen Sexarbeitenden von Kristina Marlen

Sexarbeit ist Arbeit! Hier kannst du dich über das Sexworker Collective Schweiz informieren.

ProCoRe ist das nationale Netzwerk, dass sich für die Rechte und Anliegen von Sexarbeitenden in der Schweiz einsetzt.

Ein kleiner Impuls zum Schluss für dich:

Welche unbewussten Bewertungen oder Ängste steigen in dir auf, wenn es um das Kaufen oder Verkaufen von Intimität, Berührung und Präsenz geht? Welchen Raum erlaubst du dir selbst zu buchen, wenn du Sehnsucht nach gehaltenem Kontakt hast?

Ich freue mich wie immer über deine Gedanken, Rückmeldungen oder Fragen zu diesem Thema.­


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