Das Patriarchat ist in Mitteleuropa keine Geschichte aus dem Mittelalter, sondern ein tief in den Alltag, die Psyche und die Beziehungen verwobenes System. Es ist die unsichtbare Norm, die definiert, was „weiblich“ ist – und welche Lasten und Kosten damit verbunden sind.
Dieser Text hilft, die Lasten zu erkennen, die Frauen oft unbewusst tragen, und die strategischen Muster zu identifizieren, die den Alltag und die emotionalen Entscheidungen prägen.
Die Last der Unsichtbaren Arbeit und Ökonomie . Die Internalisierten Normen (Körper & Psyche) . Machtdynamiken in Beziehungen und Sexualität . Wie Frauen das Patriarchat mitreproduzieren (Toxizität & Rollentraining) . Strategien zur Befreiung: Wie du das Patriarchat durchbrichst
Die Last der Unsichtbaren Arbeit und Ökonomie
Das System erwartet von Frauen, dass sie in der Erwerbswelt „wie Männer“ funktionieren (leistungsorientiert), aber zu Hause weiterhin die traditionelle Rolle erfüllen. Dies führt zur strukturellen Doppelbelastung:
- Der „Mental Load“ als Norm: Dies ist die unsichtbare, kognitive Arbeit des Organisierens (Termine, Planung, Sorgearbeit). In heterosexuellen Partnerschaften landet diese organisatorische Last fast immer bei der Frau. Ihre Gehirnkapazität ist ständig mit der Zukunftsplanung der Familie belegt. Zahlen in der Schweiz: Frauen wenden im Durchschnitt 28,1 Stunden pro Woche für unbezahlte Haus- und Familienarbeit auf.
- Die Lohn- und Karrierestrafe: Obwohl Frauen oft höher qualifiziert sind, hält sie das Patriarchat ökonomisch unten: Gender Pay Gap: Frauen verdienen in der Schweiz immer noch durchschnittlich 16,2 Prozent weniger als Männer. Rund 48 Prozent dieser Lohnlücke sind durch keine objektiven Faktoren erklärbar. Der Müttermalus: Nach der Geburt von Kindern erfahren Frauen auf dem Arbeitsmarkt oft einen Karriere-Malus, während Männer von der Vaterschaft (dem Väterbonus) profitieren können.
Die Internalisierten Normen (Körper & Psyche)
Patriarchale Normen beeinflussen, wie Frauen sich selbst sehen und wie sie sich nach aussen präsentieren – oft auf Kosten ihrer Authentizität und Gesundheit:
- Die Leistungsfalle der Sorgearbeit: Frauen wird eingeprägt, dass ihre Liebesfähigkeit und ihr Wert an ihre Fürsorge für andere gebunden sind. Wenn sie „Nein“ sagen, entsteht sofort ein Gefühl der Schuld oder Minderwertigkeit. Die patriarchale Gesellschaft belohnt diese Selbstlosigkeit, indem sie sie als „weibliche Stärke“ verkauft.
- Der „Male Gaze“ und der Körper: Frauen stehen unter ständigem Druck, einem externen Schönheitsideal zu entsprechen. Alles wird durch die patriarchale Brille bewertet, die sie primär als Objekt der Begierde sieht. Diese ständige Selbstüberwachung (Self-Monitoring) ist psychisch anstrengend und bindet mentale Ressourcen.
- Der „Good Girl“-Komplex: Viele Frauen kämpfen mit dem Drang, nett, harmoniebedürftig und unkompliziert zu sein. Kritik oder Wut wird oft unterdrückt, da das Patriarchat assertive oder wütende Frauen schnell als „hysterisch“ oder „zickig“ abwertet.
- Die Intersektionale Last: Die patriarchalen Lasten werden durch weitere Diskriminierungsformen potenziert. Frauen of Color, trans* Frauen oder Frauen mit Behinderung erleben die Kritik an ihrem Körper, ihrer Rolle oder ihrer Karriere oft härter und existenzieller als weisse Cis-Frauen.
- Dynamiken in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften: Auch in gleichgeschlechtlichen oder nicht-binären Partnerschaften müssen Frauen darauf achten, nicht in die Rolle der traditionellen Hauptversorgerin oder emotionalen Managerin zu geraten.
Machtdynamiken in Beziehungen und Sexualität
Hier wirkt das Patriarchat oft am subtilsten, indem es emotionale Lasten und sexuelle Ungleichheiten normalisiert.
- Die emotionale Managerin: Männern wurde traditionell die emotionale Kompetenz abgesprochen. Das Ergebnis: Frauen übernehmen oft unbewusst die Rolle der emotionalen Managerin und müssen die Gefühle beider Partner pflegen, Konflikte moderieren und für die emotionale Tiefe der Beziehung sorgen. Ihre eigenen Bedürfnisse geraten dabei in den Hintergrund.
- Das dominante sexuelle Skript: Das gängige sexuelle Skript basiert auf männlicher Erregung und Penetration als Ziel. Dies führt dazu, dass:
- Weibliche Lust marginalisiert wird: Sex wird oft als „erfolgreich“ bewertet, wenn der Mann gekommen ist – unabhängig davon, ob die Frau befriedigt wurde. Die klitorale Stimulation, die für viele Frauen notwendig ist, wird als optionales „Vorspiel“ betrachtet. Ebenfalls werden emotionale Intimität öfter als emotionale Verfügbarkeit der Frau für das Comforting des Mannes angeschaut, weniger umgekehrt.
- Der Double Standard: Frauen, die ihre Sexualität aktiv leben und einfordern, werden stärker gesellschaftlich verurteilt (als „promiskuitiv“) als Männer mit demselben Verhalten.
- Grenzüberschreitungen und Gewalt: Die patriarchale Machtstruktur manifestiert sich in der höchsten Form in physischen Gewalt. Frauen sind in Mitteleuropa statistisch die Hauptbetroffenen von sexueller Gewalt und Gewalt in der Partnerschaft. Männer fast ausschliesslich die Täter. Hier ein Link dazu.
Wie Frauen das Patriarchat mitreproduzieren (Toxizität & Rollentraining)
Das System existiert auch, weil Frauen unbewusst dazu beitragen, es aufrechtzuerhalten.
- Laterale Gewalt („Weibliche Toxizität“): Internalisiertes Patriarchat äussert sich in Konkurrenzkampf, Slutshaming oder der Abwertung anderer Mütter, bei dem Frauen unbewusst patriarchale Normen gegenseitig durchsetzen, anstatt sich in der Diversität zu verbinden und zu bestärken.
- Die Mütterfalle: Patriarchale Prägung von Söhnen
- Keine Schwäche zeigen: Mütter neigen dazu, Söhne unbewusst dazu anzuhalten, keine weichen Gefühle zu zeigen, um sie für die Härte der „Männerwelt“ zu wappnen.
- Die Angst vor der Männlichkeit: Die eigene Angst vor übergriffigen Männern kann dazu führen, den Sohn emotional oder psychologisch zu kontrollieren, um seine zukünftige Männlichkeit zu „entschärfen“ (symbolische Kastration).
- Emotionale Bindung: Mütter können dazu neigen, ihre Söhne emotional an sich zu binden, um die eigene emotionale Leere zu füllen. Und besonders, wenn eine männliche Bezugsperson oder eine positive Vaterrolle fehlt, verhindert dies, dass der Sohn in eine gesunde, eigenständige Männlichkeit „freigelassen“ wird.
Strategien zur Befreiung: Wie du das Patriarchat durchbrichst
Das Erkennen dieser Muster ist der wichtigste Schritt. Hier sind Ansätze, wie du dich aus dem unsichtbaren Käfig befreien und dir deinen Raum zurückerobern kannst:
- Die Last abgeben: Delegiere und akzeptiere Imperfektion. Lass die Hemden knittrig oder die Planung offen. Dein Wert ist nicht an die perfekte Organisation des Alltags gebunden.
- Lerne, „schlecht“ zu sein: Erlaube dir, unkompliziert „Nein“ zu sagen und Wut oder Frustration auszudrücken, ohne dich sofort schuldig zu fühlen. Das ist keine „Zickigkeit“, sondern Grenzsetzung.
- Verlange Parität: Fordere klare, messbare Gleichheit in finanziellen und Care-Work-Aufgaben. Rede nicht nur über Gefühle, sondern über Stunden und Aufgabenlisten.
- Definiere deine Lust neu: Mache deine eigene Lust zum Fokus deiner Sexualität. Das sexuelle Skript ist verhandelbar. Kommuniziere aktiv, was du brauchst, statt passiv auf Befriedigung zu warten.
- Fordere emotionale Reziprozität: Du musst nicht die einzige emotionale Stütze sein. Erlaube dir, Komfort, Fürsorge und emotionale Verfügbarkeit aktiv einzufordern, anstatt diese nur zu geben. Dein Partner oder deine Bezugspersonen haben die Verantwortung, dir in gleicher Weise zur Seite zu stehen.
- Beende die laterale Gewalt: Reflektiere kritisch, wann du unbewusst weibliche Toxizität anwendest. Höre auf, andere Frauen für Kleidung, Karriereentscheidungen oder Mutterrollen zu verurteilen. Unterstützung statt Konkurrenz ist der stärkste Bruch mit dem Patriarchat.
- Gib deine Söhne frei: Arbeite bewusst daran, deinen Söhnen emotionale Verletzlichkeit zu erlauben. Gib ihnen die Erlaubnis, andere (männliche) Vorbilder zu suchen und ihre eigenen, nicht-toxischen Wege in die Männlichkeit zu finden – unabhängig von deinen Ängsten oder emotionalen Bedürfnissen.
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