Wenn wir die Tore für einen Raum wie NAKED öffnen, geschieht das mit einer tiefen Sehnsucht nach echter, unmaskierter Begegnung. Viele Menschen spüren diesen Ruf. Doch immer wieder stehen wir als Team vor der Aufgabe, Anmeldungen für diesen fortgeschrittenen Forschungsraum abzulehnen.
Das fühlt sich im ersten Moment vielleicht hart an – doch für uns ist dieses „Gatekeeping“ ein essenzieller Akt der Fürsorge. Es ist kein Urteil über dich als Mensch, sondern eine Einschätzung der Passgenauigkeit für ein hochfrequentes Forschungsfeld.
Manchmal ist es schwierig zu greifen, worum es in diesem Forschungsfeld eigentlich geht. Oft wird es dann klarer, wenn wir benennen, worum es nicht geht. NAKED ist keine verlängerte Temple Nicht oder sexpositiver Playspace, kein klassisches Tantra-Seminar und kein Training, um endlich dein ekstatisches Potential auszuleben.
Hier möchte ich transparent machen, welche Themen uns bei den Anmeldungen manchmal begegnen und warum ein „Nein“ dann notwendig werden kann, um die Sicherheit und Tiefe des Containers zu bewahren.
1. Die Ekstase-Falle: „Forschung“ vs. „Erlebnishunger“
Manchmal lesen wir Anmeldungen, die sehr stark darauf fokussiert sind, endlich „die eigene sexuelle Freiheit“ oder „totale Ekstase“ zu leben.
- Das Lernfeld: NAKED ist kein Ort, um unreflektiert Bedürfnisse auszuleben. Wer nur kommt, um sich „seine“ Lust zu holen, verliert oft die Wahrnehmung für das Kollektiv.
- Warum wir absagen: Wir suchen Menschen, die auch dann präsent bleiben können, wenn es gerade nicht ekstatisch ist – wenn es still oder emotional fordernd ist. Wirkliche Intimität entsteht oft erst in den Pausen zwischen den Höhepunkten.
2. Der „Heiler-Komplex“: Retten statt Forschen
Gelegentlich bewerben sich Menschen, die betonen, wie viel sie „geben“ können oder dass sie kommen, um den Raum für andere zu „halten“.
- Das Lernfeld: In einem Forschungsraum ist Augenhöhe die wichtigste Währung. Wer in der Rolle des „Helfers“ oder der „Wissenden“ kommt, schützt sich oft unbewusst davor, die eigene Verletzlichkeit und Nacktheit wirklich zu zeigen.
- Warum wir absagen: Wir brauchen keine Co-Moderatoren, sondern mutige Teilnehmende. Der Heiler-Komplex stört die Gruppendynamik, da er eine Hierarchie aufbaut, wo wir radikale menschliche Begegnung auf gleicher Ebene suchen.
3. Das Paradoxon der „Triggerfreiheit“
Ein Satz, der uns oft begegnet: „Ich habe keine Ängste und keine Trigger.“
- Der Forschungsaspekt: Bei NAKED forschen wir genau dort, wo es reibt – bei Scham, Neid oder der Angst vor Ablehnung. Wer glaubt, keine Trigger zu haben, wird oft kalt erwischt, wenn das Feld die eigenen Muster spiegelt.
- Warum wir absagen: Wir suchen Menschen, die ihre Kanten kennen. Wer seine Schatten nicht benennen kann, wird sie unbewusst auf andere projizieren. Echte Sicherheit entsteht nicht durch die Abwesenheit von Triggern, sondern durch die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen („Own your Shit“).
4. Die Flucht vor der „vollen Bandbreite“ (Homophobie & Präferenz)
Ein Forschungsraum für menschliche Intimität funktioniert nur, wenn wir bereit sind, alle Menschen im Raum in ihrer Menschlichkeit wahrzunehmen – unabhängig von unserem „Beuteschema“.
- Das Lernfeld: Besonders bei Männern erleben wir oft den Wunsch, nur mit Frauen zu interagieren. Doch NAKED lädt explizit dazu ein, auch die oft vorbelastete Begegnung zum eigenen Geschlecht zu erforschen und Konkurrenz abzubauen.
- Warum wir absagen: Wenn wir spüren, dass jemand den Raum als heteronormatives Jagdrevier betrachtet und kein Interesse an der Heilung der Dynamiken unter Männern hat, lehnen wir ab. Wir wollen keine Räume, in denen die heteronormativen Machtdynamiken in Stein gemeißelt bleiben.
5. Konsens ist mehr als das Abwarten eines „Neins“
Manchmal lesen wir: „Ich merke meine Grenzüberschreitungen selten, aber man kann es mir ja sagen.“
- Das Lernfeld: Wir praktizieren verkörperten Konsens. Das bedeutet, die feinen Signale des Gegenübers zu lesen, bevor ein lautes Stopp kommen muss oder ein regelmässig ein Feedback proaktiv abzufragen.
- Warum wir absagen: In einem Feld, in dem wir 24 Stunden nackt sind, ist diese Feinfühligkeit überlebenswichtig für die emotionale Sicherheit. Wer die Verantwortung für Grenzen komplett auf andere schiebt, gefährdet den „Brave Space“.
6. Offenheit vs. Distanzlosigkeit
„Ich bin ein sehr offener Mensch, manche sind damit überfordert“ – auch eines dieser Sätze, denen wir begegnen im Anmeldeprozess.
- Das Lernfeld: Wahre Offenheit beinhaltet immer auch die Fähigkeit zur Resonanz. Spüre ich, ob mein Gegenüber gerade bereit ist für meine Nacktheit, meine Geschichte, meine Energie?
- Warum wir absagen: In einem Brave Space brauchen wir Menschen, die ihre Impulse regulieren können. Offenheit ohne Raumwahrnehmung kann schnell in Distanzlosigkeit kippen. Wir achten darauf, dass das Feld nicht von einzelnen Dynamiken „gekapert“ wird, sondern ein gemeinsames Atmen möglich bleibt.
Ein „Nein“ als Dienst am Wachstum
Eine Absage ist kein Urteil über dich als Mensch. Sie ist eine Einschätzung der Passgenauigkeit. Wir wünschen uns für NAKED ein Feld von Forschenden, die bereit sind, von der individuellen Konsumhaltung (eigene Lustbefriedigung, eigene Wachstumsgrenze) in eine eigenständig gehaltene Präsenz für und mit dem kollektiven Prozess kommen.
Wenn wir den Raum durch eine bewusste Auswahl klar halten, ermöglichen wir eine Tiefe, in der Intimität – das Sehen und Gesehen werden – erst entstehen kann.
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