In der Dating-Welt und in Gesprächen über Sex fällt oft der Satz: „Ich suche nur Sex, ganz ohne Gefühle.“ Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Das ist unmöglich. Was wir meistens meinen, wenn wir dieses Label nutzen, ist nicht die Abwesenheit von Empfindungen, sondern der Wunsch nach einer ganz bestimmten Dynamik.
Um die Verwirrung zu lösen, hilft es, zwischen drei Ebenen zu unterscheiden:
1. Die Bindungsebene: Romantik & Sehnsüchte
Hier verorten wir alles, was mit dem „Davor“ und „Danach“ zu tun hat. Interessanterweise gehört der Wunsch nach „Sex ohne Gefühle“ genau hierher. Er ist nämlich selbst ein Ausdruck einer Sehnsucht:
- Romantische Gefühle: Der Wunsch nach Verliebtsein, Geborgenheit, Exklusivität, Bindung, Verschmelzung und Abendteuer.
- Sehnsucht nach Einfachheit: Der Wunsch nach einem Raum, der frei von Erwartungen, Konflikt und Komplexität ist.
- Bedürfnis nach Sicherheit & Abgrenzung: Der Schutzmechanismus, sich nicht verletzlich machen zu wollen oder die Angst, „vereinnahmt“ zu werden.
Ob wir uns nach der großen Liebe sehnen oder nach absoluter Unverbindlichkeit – beides sind Beziehungs-Narrative, die wir mit in die Begegnung bringen.
2. Die Moment-Ebene: Die Palette der Basisgefühle
Davon strikt zu trennen ist das, was während der Begegnung im Hier und Jetzt passiert. Hier gibt es kein „Gefühlsfrei“. Wer präsent ist, begegnet der gesamten menschlichen Palette:
- Freude: Das spontane Ja zum Moment. Es ist das Prickeln, das Lachen, die spielerische Neugier und die Ekstase, wenn Energie frei fließen darf.
- Angst: Die „Wächterin“ an der Schwelle zum Neuen. Sie zeigt sich oft als Herzklopfen oder flacher Atem, wenn wir uns wirklich zeigen oder die Kontrolle aufgeben.
- Wut: Eine klare, kraftvolle Energie. Sie weist uns unmissverständlich auf unsere Grenzen und Grenzverletzungen hin oder ist ein Bote für ungelebte Bedürfnisse, die im Raum nach Ausdruck suchen.
- Trauer: Die weiche Kraft der Öffnung. Sie taucht oft auf, wenn Schichten abfallen, wir uns tief berühren lassen oder wenn sich nach einer Entladung eine alte Enge löst.
- Scham: Die Hüterin unserer Intimsphäre. Sie bietet das Potenzial für neue, echte Verbindung in unserem eigenen Tempo. Gleichzeitig wirkt sie als integrative Kraft, wenn wir selbst Grenzverletzungen begangen haben, und hilft uns, wieder in Integrität zu kommen.
- Ekel: Unser unbestechlicher Kompass für Integrität. Er ist das unmittelbare somatische Signal, wenn etwas nicht (mehr) stimmig ist – ein radikales Werkzeug für Selbstliebe.
- Lust: Unser innerer Motor und das Verlangen nach Verbindung. Sie ist die vitale, pulsierende Energie, die uns über unsere Grenzen hinauslocken will.
Wichtige Erkenntnis: Besonders Scham, Ekel und Lust sind Signale, die uns einladen, den Erfahrungsraum zu verlangsamen. Sie fordern Entschleunigung, damit ihre enorme Komplexität und Tiefe überhaupt im Körper ankommen und integriert werden können.
Diese Gefühle sind einfach da. Sie fragen nicht nach dem Beziehungsstatus. Sie fließen, sobald wir uns berühren lassen.
3. Die somatische Ebene: Das Körperempfinden
Das ist das Fundament, auf dem alles ruht. Die rein physische Realität unseres Nervensystems: Das Pochen des Herzens, die Weite im Brustkorb, das Kribbeln auf der Haut, Enge oder Entspannung. Wenn wir versuchen, „Gefühle abzustellen“, kappen wir oft unbewusst die Verbindung zu unserem Körper. Wir funktionieren dann nur noch mechanisch, statt die Tiefe unserer somatischen Intelligenz zu nutzen.
Fazit: Ehrlichkeit statt Labels
Wenn wir behaupten, Sex ohne Gefühle zu haben, lügen wir uns oft ein bisschen in die eigene Tasche. Wir versuchen, die Moment-Ebene (das echte Fühlen) zu unterdrücken, weil wir Angst vor der Bindungsebene (den Konsequenzen oder Sehnsüchten) haben.
Wahre sexuelle Freiheit bedeutet nicht, nichts zu fühlen. Sie bedeutet, so sicher mit sich selbst zu sein, dass man allem in sich selbst begegnen kann, ohne davon überwältigt zu werden oder es wegdrücken zu müssen.
In meiner Arbeit – ob in sex-positiven Gruppenräumen oder in der 1:1 Begleitung – lade ich dazu ein, diese Ebenen zu entwirren. Wir können die Bindungsebene klar kommunizieren („Ich suche gerade keine Romantik“ oder „Bei mir kommen Verliebtheitsgefühle hoch“), während wir uns gleichzeitig erlauben, auf der Moment-Ebene (Freude, Trauer, Wut, …) alles zu fühlen, was da ist.
Und es geht noch einen Schritt weiter: Es bedeutet auch zu lernen, der ganzen Palette von Gefühlen und Sehnsüchten des Gegenübers zu begegnen. Wir müssen die Emotionen des anderen nicht „lösen“ oder für sie verantwortlich sein – wir lernen einfach, mit ihnen im Raum zu bleiben, ohne uns darin zu verlieren oder sie gleich abzuwehren, wenn sie im Konflikt mit unseren Bedürfnissen stehen.
In dieser Präsenz entsteht eine neue Form von Intimität: Wir können die Bindungsebene klar kommunizieren („Ich sehne mich nach …“), während wir uns gleichzeitig erlauben, in der Begegnung vollkommen lebendig, fühlend und menschlich zu sein.
Wie gehst du damit um?
Hast du dich schon mal dabei ertappt, wie du versucht hast, deine Gefühle „wegzudrücken“, um eine Begegnung einfach zu halten? Ich unterstütze Menschen dabei, die eigenen Gefühlsräume wieder ganz einzunehmen. In meinen 1-1 Session oder Gruppenräumen kannst du lernen, tiefer in deinem Körper und Beziehungsfeldern anzukommen.
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