Wer sich auf ein Gruppen-Experiment wie NAKED | sexuality in.and.or community einlässt, spürt meist zwei Dinge gleichzeitig: Ein tiefes Ja, eine Sehnsucht nach Begegnung und echter Wahrheit – und ein flaues Gefühl im Magen.
Wir verlassen hier das vertraute Terrain privater Intimität und betreten ein kollektives Forschungsfeld. NAKED ist ein fortgeschrittener Forschungsraum für Menschen, die bereit sind, die Masken fallen zu lassen. Aber was bedeutet das konkret? Wo liegen die Schwellen?
Hier sind sieben Challenges, denen wir bei NAKED begegnen – und warum sie genau das Portal zu etwas Neuem sind.
1. Die Challenge der Sichtbarkeit: „Bin ich genug?“
Ohne die Inszenierung durch Kleidung werden wir zu einer menschlichen Landschaft.
- Die Herausforderung: Gefühle von Unzulänglichkeit oder die Angst, nicht „begehrenswert“ genug zu sein, können laut werden.
- Der Forschungsaspekt: Wir merken, dass diese Scham oft systemisch ist. Wenn wir darin bleiben, statt wegzurennen, wird der Körper zur Normalität, nicht zum Objekt.
2. Die Challenge der Abgrenzung: „Darf ich Nein sagen?“
In einem Raum, in dem 24 Stunden am Tag alles geteilt wird, kann die Angst entstehen, in der Gruppe unterzugehen oder die eigene Grenze zu verlieren.
- Die Herausforderung: Es kann passieren, dass du in den Fokus von Menschen gerätst, die dir gerade „zu viel“ sind, oder dass Anfragen an dich gerichtet werden, auf die du kein Hell Yes hast. Vielleicht fühlst du dich unter Druck, „mitmachen“ zu müssen, um Teil des Kollektivs zu bleiben oder potenzielle Konflikte zu vermeiden.
- Der Forschungsaspekt: NAKED ist ein radikales Training in Selbstverantwortung. Ein „Nein“ oder ein „Ich brauche gerade Abstand“ ist kein Störfaktor, sondern ein essenzieller Teil der Forschung. Wir üben, uns abzugrenzen, ohne die Verbindung zum Feld abzubrechen. Dein Rückzug ist willkommen und du darfst üben, die Gruppe darüber zu informieren, anstatt einfach Abwesend zu sein.
3. Die Challenge der Radikalen Klarheit: „Darf ich das wirklich sagen?“
Wir sind darauf trainiert, unser Begehren subtil zu steuern. Bei NAKED gibt es keine körperlichen Interaktionen ohne vorherige kollektive Verhandlung.
- Die Herausforderung: Die nackte Wahrheit vor allen auszusprechen: „Ich will mit dir, aber nicht mit dir.“ Oder: „Ich finde dich heiss, aber ich habe Angst, dich anzusehen.“ Das kann sich im ersten Moment spröde oder beschämend anfühlen.
- Der Forschungsaspekt: Diese Klarheit nimmt den Druck aus dem Feld. Niemand muss raten. Begehren wird von einem knappen Gut zu einer kollektiven Ressource, über die wir offen sprechen können. Sich vor der Gruppe zeigen, wird ein Muskel, den wir über diese Zeit intensiv trainieren.
4. Die Challenge des eigenen Begehrens: „Was will ich eigentlich wirklich?“
In einem Feld voller Möglichkeiten und nackter Präsenz kann eine ganz unerwartete Frage auftauchen: Die Stille. Wenn das gewohnte „Funktionieren“ wegfällt, merken wir oft, wie wenig wir mit unserem authentischen Wollen verbunden sind.
- Die Herausforderung: Es kann verunsichern, wenn kein klares Hell Yes auftaucht, während um einen herum Interaktionen stattfinden. Vielleicht spürst du den Druck, etwas „wollen zu müssen“, oder du merkst, dass dein Wollen bisher oft nur eine Reaktion auf die Erwartungen anderer war. Die Angst, „leer“ zu sein oder den Anschluss zu verpassen (FOMO), kann hier sehr präsent werden.
- Der Forschungsaspekt: Wir laden dich ein, genau diese Leere oder Unwissenheit als wertvollen Raum zu betreten. NAKED bietet dir die Chance, dein Begehren jenseits von sozialen Skripten neu zu entdecken. Was bewegt mich, wenn ich nichts leisten muss? Was will durch mich ausgedrückt werden, wenn ich mich nicht an den Impulsen der anderen orientiere? Wir üben, die Stille des Nicht-Wissens auszuhalten, bis ein echtes, eigenes Wollen aus der Tiefe auftaucht.
5. Die Challenge der Selbstregulation: „Own your Shit“
In einem Raum, in dem alles sichtbar wird, werden zwangsläufig auch unsere alten Muster und früheren Verletzungen getriggert. Vielleicht wird dein Neid wach, dein Wunsch nach Exklusivität oder eine alte Angst vor Ablehnung.
- Die Herausforderung: Nicht in die Opferrolle zu fallen oder die Gruppe für den eigenen emotionalen Zustand verantwortlich zu machen. Wenn Unbehagen auftaucht, neigen wir oft dazu, die Ursache im Außen oder im System zu suchen.
- Der Forschungsaspekt: „Own your shit“ bedeutet radikale Innenschau statt Projektion. Wenn Unwohlsein auftaucht, forschen wir nach innen: Wo genau liegt meine Grenze und wie halte ich sie? Entspricht die Heftigkeit meiner Gefühle dem Jetzt oder bin ich in einer Übertragung alter Verletzungen? Im ZEGG-Forum geben wir diesen Dynamiken eine Bühne, damit sie bezeugt und verdaut werden können – so wird dein „Shit“ zum Dünger für kollektives Wachstum.
6. Die Challenge der Full-Spectrum Intimität: „Mensch zu Mensch statt vertraute Skripte“
Wir alle tragen innere Landkarten davon, wer für uns „begehrenswert“ ist und wer nicht. Oft folgen wir in sexpositiven Räumen unbewusst denselben Skripten wie im Alltag: Wir suchen die Nähe derer, die in unser gewohntes Attraktionsprofil passen, und blenden den Rest des Raumes aus.
- Die Herausforderung: Es erfordert Mut, diese Komfortzone zu verlassen. Besonders für Männer ist die Begegnung von Mann zu Mann oft massiv vorbelastet durch sozialisierte Scheu, Angst vor Urteil (Homophobie) oder die Definition der eigenen Identität über den gelernten Konkurrenzkampf. Doch auch für alle anderen gilt: Es kann sich herausfordernd oder sogar „uninteressant“ anfühlen, Präsenz in eine Begegnung zu investieren, die keinem klaren sexuellen Ziel dient.
- Der Forschungsaspekt: Wir laden dich ein, diese Vorbelastungen und Präferenzen nicht wegzudrücken, sondern als Teil der Forschung zu sehen. Es geht nicht darum, Begehren zu erzwingen. Es geht um die Frage: Was passiert, wenn ich mich für die Full-Spectrum Intimität öffne? Welchen Intimate Meeting Point kann ich mit einem Menschen bespielen – körperlich, emotional, seelisch – wenn ich mich wirklich berühren lasse von der nackten Präsenz? Das nimmt den Druck raus, performen zu müssen und öffnet den Weg für eine menschliche Verbundenheit, die das gesamte Feld nährt.
7. Die Challenge der Strukturen: „Der Elefant im Raum“
Wir glauben oft, sexpositive Räume seien frei von Diskriminierung. Doch wir alle tragen Formen von Lookismus, Sexismus, Ableismus, Rassismus, … in uns.
- Die Herausforderung: Zu realisieren, dass diese Strukturen nicht verschwinden, nur weil wir nackt sind. Es kann schmerzhaft sein, die eigene Privilegiertheit oder Betroffenheit so klar zu spüren.
- Der Forschungsaspekt: Bei NAKED schauen wir hin. Wir sind keine „Heile-Welt“-Blase, in der so getan wird, als gäbe es keine Differenzen, sondern ein „Brave Space“, in dem wir lernen, diese Realitäten zu benennen und gemeinsam durchzuarbeiten.
Warum wir das tun
Warum setzen wir uns diesen Herausforderungen aus? Weil jenseits der Scham und der Angst neue Formen von Intimität wartet. Intimitäten, die nicht auf Pornoklischees oder heimlichen Arrangements fussen, sondern auf radikaler Ehrlichkeit und kollektivem Gehaltensein.
Wichtig zu wissen: Ein Raum, der sich gemeinsam trägt NAKED ist ein mutiger Raum, aber kein „Pushy“-Raum. Wir als Hosts schaffen den Rahmen, in dem du dich jederzeit regulieren kannst. Du entscheidest über dein Tempo. Wir fordern dich heraus, aber wir lassen dich nicht allein.
Ein zentraler Pfeiler unserer Sicherheit ist dabei der Peer-Support: Wir laden dich ein, Unterstützung nicht nur bei uns Organisator:innen zu suchen, sondern sie auch im Miteinander der Gruppe zu finden. Ob einfache Präsenz, ein offenes Ohr oder eine neue Perspektive durch Mitforschende – wir üben, uns als Gemeinschaft gegenseitig in unseren Prozessen zu bezeugen und zu halten. So entsteht ein Feld, in dem Forschung und Transformation zu einer kollektiven Praxis werden.

Das nächste NAKED findet statt von 15. – 19. April 2026 im Schloss Glarisegg (CH). Bis 15. Februar 2026 profitierst du von einem reduzierten Beitrag.
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